Programm 2021 – Änderungen vorbehalten

Das vollständige Tagungsprogramm steht Ihnen online ab Dezember 2020 zur Verfügung.


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Donnerstag 18 Mrz 2021

10:00 - 13:30 Preconference-Workshops I

Bedürfnisse, Werte, Identität – Entwicklungsbedürfnisse als Thema der Psychotherapie

Martin Sack

Die meisten Patienten haben nicht nur symptomorientierte Behandlungsbedürfnisse, sondern leiden darüber hinaus auch an den Folgen nicht ausreichender Erfahrungen von Bindung, Fürsorge, Wertschätzung und Förderung in der Kindheit. Brachliegende Entwicklungsbedürfnisse sind daher für die Therapieplanung von hoher Bedeutung. Zudem sind erfüllte oder nicht erfüllte Bedürfnisse prägend für die individuelle Orientierung an Werten sowie für das Erleben persönlicher Identität.
Im Workshop wird von praktischen Beispielen ausgehend, der therapeutische Umgang mit brachliegenden Entwicklungsbedürfnissen systematisch und therapieschulenübergreifend vorgestellt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Konzeption und Umsetzung von Behandlungsmöglichkeiten zur gezielten Förderung defizitärer Entwicklungsbedürfnisse. Das Einbringen von eigenen Fällen und Fragen zur Behandlungspraxis ist ausdrücklich erwünscht.

Literatur:
Sack, Martin: Individualisierte Psychotherapie – Ein methodenübergreifendes Behandlungskonzept. Schattauer, Stuttgart 2019

Do 10:00 - 13:30

Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen im Sozialen Entschädigungsrecht und der gesetzlichen Unfallversicherung – Problemdarstellung aus medizinischer und rechtlicher Sicht

Doris Denis, Claudia Drechsel-Schlund

Häufig ist fest­zustellen, dass klinische GutachterInnen in der Kausalitäts­beurteilung psychisch reaktiver Traumafolgen oft zu extrem gegensätzlichen Ergebnissen gelangen. In der Vergangenheit erfolgten deshalb von medizinischer und rechtlicher Seite Maßnahmen, um die Gutachtenerstellung zu verbessern.
Die DeGPT hat ein zertifiziertes Fortbildungscurriculum verabschiedet, welches psychologische und ärztliche FachkollegInnen in die Lage versetzen soll, klinische Gutachten zu psychisch reaktiven Traumafolgen und ihrer Genese in sozialrechtlichen Verfahren fachkompetent zu erstellen. Die von der DeGPT entwickelten Standards für die schriftliche Gutachtenerstellung sollen dabei eine ausreichend begründete und für Dritte nachvollziehbare Beurteilung garantieren, die in der Praxis nicht immer gegeben ist.
Bei der Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen sind rechtliche Rahmenbedingungen zu berücksichtigen, nach der aktuellen Rechtsprechung des Bundessozialgerichts insbesondere für die notwendige Objektivierung psychischer Störungen und für die differenzierte Kausalitätsbeurteilung. Rechtliche Anforderungen bestehen zudem für die Formulierung von Unfallfolgen und für die Einschätzung der Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE).
Neben der Darstellung der oben genannten Anforderungen an psychotraumatologische Kausalitätsgutachten sollen in  diesem Workshop die speziellen Probleme aus medizinischer und aus rechtlicher Sicht anhand von Fallbeispielen (gerne auch mitgebrachte Fälle von TeilnehmerInnen)  illustriert und die Anforderungen eines Auftraggebers an ein professionelles Gutachten (Vollständigkeit, Nachvollziehbarkeit und Plausibilität) vermittelt werden.

http://www.degpt.de/curricula/degpt-curriculum-begutachtung.html

Literatur:
Haenel F, Denis D, Freyberger H. Die Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen im Rahmen des OEG. In: Seidler GH, Freyberger HJ, Maercker A. Handbuch der Psychotraumatologie. Stuttgart 2011; S. 735-745
Trauma & Gewalt - Themenheft „Begutachtungspraxis psychisch reaktiver Traumafolgen“, 8.Jg., Heft 2, Mai 2014
AWMF-Leitlinie „Begutachtung psychischer und psychosomatischer Störungen“, AWMF-Registernummer: 051-029 (Stand 12/2019)
Widder/Gaidzik (Hrsg.): Neurowissenschaftliche Begutachtung. 3. Auflage, Stuttgart: Thieme, 2018
Freytag H, Krahl G, Krahl C, Thomann K-D (Hrsg.): Psychotraumatologische Begutachtung. 1. Auflage, Frankfurt: Referenzverlag, 2011

Do 10:00 - 13:30

Digitale Selbstverteidigung in der Therapie-Praxis (Basiswissen)

Claudia Fischer

Haben Sie Ihren Praxis-Computer gut abgesichert? Verschlüsseln Sie Ihre E-Mails an Krankenkassen oder an Klientinnen und Klienten? Wissen Sie, wie was ein Key-Logger ist und wie Sie ihn erkennen? Dürfen Handys mit in den Therapie-Raum?
Digitale Sicherheit ist auch für Therapie-Praxen und in Kliniken ein wichtiges – aber lästiges Thema. Insbesondere Menschen, die mit Gewaltopfern arbeiten, haben aber oft auch schon Erfahrungen mit gezielten Cyber-Angriffen von Täter-Seite machen müssen. Was ist technisch möglich und was nicht?
Dieser Workshop richtet sich ausdrücklich an Menschen, die wenig technisches Vorwissen haben und niedrigschwellig erfahren wollen, wie sie sich schützen können.

Do 10:00 - 13:30

Sexuelle Traumafolgen nach sexueller Gewalt – Symptomatik und Behandlung

Melanie Büttner

Menschen, die in der Vergangenheit sexueller Gewalt ausgesetzt waren, erleben Sexualität oft als belastend. Körperliche Nähe und Berührungen lassen überwältigende Traumaerinnerungen lebendig werden. Angst, Ekel, Ohnmacht, Beschmutzungsgefühle und verstörende Gewaltfantasien drängen sich ins Bewusstsein. Oft ist der Sex schmerzhaft, der Beckenboden verkrampft, die Vagina verengt sich zum Schutz. Dazu kommen dissoziative Beschwerden: Der Körper spürt kaum etwas, der Geist schaltet ab. Nach dem Sex ist mitunter nicht klar, was dabei geschah.
Vielen Betroffenen fällt es außerdem schwer, ihre persönlichen Bedürfnisse zu erspüren und zu äußern. Beim Sex gehen sie weit über ihre Grenzen und machen Dinge mit, die ihnen nicht guttun. Während manche von ihnen körperlicher Intimität deshalb lieber aus dem Weg gehen, haben andere trotzdem immer wieder Sex, weil sie sich menschliche Zuwendung erhoffen und Einsamkeit oder Verlassenwerden vermeiden wollen. Auch Sexsucht ist manchmal ein Thema. Das digitale Zeitalter mit der breiten Verfügbarkeit von Online-Pornographie und -Dating birgt dabei zusätzliche Risiken für die Betroffenen.
Auch die Partner und Partnerinnen von Betroffen sind oft verunsichert, frustriert und verzweifelt. Beziehungskonflikte, Trennungen, Einsamkeit und seelische Krisen sind keine Seltenheit.
Der Workshop vermittelt Grundlagenwissen zu sexuellen Traumafolgestörungen, Know-how für die traumasensible Sexualanamnese und -diagnostik und stellt ein integratives Behandlungskonzept vor, das psycho-, sexual-, körper-, und paartherapeutische Elemente verbindet.

Do 10:00 - 13:30

14:00 - 17:30 Preconference-Workshops II

Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen in aufenthaltsrechtlichen Verfahren

Ferdinand Haenel

Im Jahre 2003 gab die Bundesärztekammer „Standards zur Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen in aufenthaltsrechtlichen Verfahren“ zusammen mit einer entsprechenden gleichnamigen zertifizierten curriculären Fortbildung heraus, welche nun auch von der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie übernommen worden ist.
Im Bereich des Asyl- und Aufenthaltsrechtes geht es bei der klinischen psychotraumatologischen Kausalitätsbegutachtung zum einen um die Frage, ob psychische oder physische Gesundheitsstörungen vorliegen, welche die Angaben der Antragsteller oder Kläger zu ihrem Asylbegehren auf Grundlage von Art. 16a GG oder § 60.1 AufenthG stützen, zum anderen ob vorliegende psychische Gesundheitsstörungen sich im Kontext einer Rückführung tiefgreifend und lebensbedrohlich verschlechtern können, so dass ein dauerhaftes Abschiebehindernis nach § 60.7 oder § 25 AufenthG besteht (Haenel u. Wenk-Ansohn 2004). Auf dem Wege zur Beantwortung dieser Fragen sieht sich der psychiatrisch-psychotherapeutisch ausgebildete Gutachter vier besonderen Hindernissen gegenüber, die er überwinden muss, wenn er an seiner Aufgabe nicht scheitern will. Es sind:

  1. Traumaspezifische Besonderheiten bei der Exploration
  2. Der fehlende Nachweis des Traumas
  3. Die mangelnde Objektivierbarkeit der Symptomatik
  4. Sprachlich und kulturelle Erschwernisse

In diesem Workshop soll auf diese vier Hindernisse näher eingegangen werden und Möglichkeiten ihrer Überwindung aufgezeigt werden.

Literatur: Haenel F: Gutachten und klinische Expertisen in aufenthaltsrechtlichen Verfahren. In: Mayer T, Morina N, Schick M, Schnyder U. (Hrsg): Trauma - Flucht - Asyl: Ein interdisziplinäres Handbuch für Beratung, Betreuung und Behandlung- Bern (2019).- S.229-246

Do 14:00 - 17:30

Das Somatische Narrativ – Eine ergänzende Methode zum Einbezug des Körpererlebens in den therapeutischen Prozess

Walter Schurig

Belastendes, traumatisches Erleben ist im Psychischen oft verzerrt, z.B. dissoziiert, und schwer bearbeitbar. Somatisches Erleben ist dagegen oft sehr präsent, mit Erlebnissen und Erfahrungen verknüpft, als Somatisches Narrativ beschreibbar.
Mit asymmetrischen oder lokalen Körperempfindungen stellen sich oft Fragmente belastender Erinnerungen, mit symmetrischen Empfindungen Gefühlszustände, mit raumbezogenem Empfinden bedeutsame Situationen dar. Zur Objektivierung sind auch die Körperkarten von Emotionen (Nummenmaa et al. 2013) äußerst hilfreich.
Mit der Erfahrung unmittelbarer Zusammenhänge erfolgt eine Integration von psychischen, somatischen und situativen Erlebnisinhalten, auch mit sofortigem antidissoziativem Effekt. Es wird oft unmittelbare spontane Evidenz mit „Sinnfindung“ und nachhaltiger Entlastung erreicht. Dies kann nach bisheriger Erfahrung als Effektivitätsmarker der aktuellen Intervention und auch der Methode angesehen werden. Bedeutsame Inhalte führen sich rekursiv auf prägnante elementare Emotionen zurück, mit eindeutigen körperlichen Entsprechungen. Mit Fortschreiten zu elementaren Zusammenhängen, einer „Konvergenz zur Elementarisierung“ werden therapeutisch nutzbare individuelle Grundsituationen oder -konflikte erreicht.
Erlebnisinhalte verknüpfen sich so zu einem zunehmend kohärenten Narrativ der eigenen Geschichte. Damit einhergehende Metaisierung des Erlebens im intersubjektiven dialogischen Reflexionsprozess läßt schließlich eine Klärung, ein Verständnis, "Einsicht", eine Distanzierung und Neuorientierung erreichbar werden.
Im Workshop werden nach einer Einführung in die Thematik Fallbeispiele und praxisnahe Übungen zur Verdeutlichung von systematischer Einsatzfähigkeit und Kompatibilität des methodischen Ansatzes angeboten.

Do 14:00 - 17:30

Gewalt macht kalt und krank. Gewalt, sexuelle Ausbeutung und Misshandlung in Familie, Gesellschaft und Medien – Wer sind die Täter?

Lutz Besser

In dem Vortrag soll es um Entstehungsbedingungen von Gewalttaten, Prävention, verschiedene Tätertypen und Möglichkeiten und Grenzen der Behandlung von physische und sexuelle Gewalt ausübende Täter gehen.
Nicht erst durch die Aufdeckung der erschreckenden Fakten um Kinderpornographie in Münster und Lügde sowie die Missbrauchsskandale in katholischen und anderen Heimeinrichtungen, Vereinen und Institutionen, in denen Abhängigkeitsverhältnisse bestehen, ist bekannt, welches Ausmaß an sogenanntem sexuellen Missbrauch und hinter verschlossenen Türen an häuslicher Gewalt in Deutschland besteht. Die Macht der Täter entspringt der Angst und Scham der Opfer und dem Wegschauen des Umfeldes und nicht selten auch des Helfersystems. Vor diesem Hintergrund können oft jahrelang Misshandlungszyklen unbemerkt fortgesetzt werden. Die Gewöhnung der Gesellschaft an das ungeheure Ausmaß von Gewalt und sexueller Ausbeutung – vor allem von Frauen und Kindern – wird durch den frei verfügbaren medialen Konsum gefördert (Beispiel: Pornographie, Texte der Pornorapper usw.) sowie Deutschland als Bordell-El Dorado Europas. Der Workshop soll dazu beitragen, diese externe und interne Dynamik der Täter besser einschätzen und wahrnehmen zu können und entsprechende Haltungen und Maßnahmen in diesem komplizierten Feld unserer Gesellschaft zu entwickeln. Welche Form der Prävention und welche Konsequenzen müssen Gesellschaft, Politik und Justiz ergreifen, um diesen „Phänomenen“ ein Ende zu bereiten?

Do 14:00 - 17:30

Teiletherapiemodelle und ihre Nutzung in einer multimethodalen Traumatherapie –Ein klinisch praktischer Workshop

Helmut Rießbeck

Zunächst wird erklärt, was zur Entstehung von Teilemodellen der Persönlichkeit geführt hat, worin sich die wichtigsten dieser Modelle unterscheiden, und welche Prinzipien sie auch gemeinsam haben. Im Mittelpunkt steht das Ego State Konzept, welches sich aus psychodynamischen Ansätzen, hypnotherapeutischen Strategien, und dem Verständnis Trauma bezogener Dissoziation entwickelt hat.
Mit Fallbeispielen und Übungen wird gezeigt, wie sich Anteile charakterisieren lassen, wie die innere Kommunikation erweitert wird, und wie daraus ein Transfer in den Alltag entsteht, damit integrative Schritte ermöglicht werden. Daraus entwickelt sich ein prototypisches Vorgehen für einzelne Therapieschritte, wie auch für den Therapieplan insgesamt. Damit ergeben sich auch spezifische Verbindungen mit Schritten der Traumakonfrontation, aber auch der Übergang zu neuen Bewältigungsmöglichkeiten psychosozialer Konflikte.
Wie bei allen komplexen Therapieansätzen muss dabei reflektiert werden, welche Interventionen riskant sind, Therapien oft hemmen, wie Blockierungen aber auch aufgelöst werden können.
Teilemodelle der Psyche erscheinen spielerisch einfach zu handhaben. Die klinische Praxis zeigt jedoch, dass gerade das Einfache oft so schwer zu machen ist. Ziel des Workshops ist es, die therapeutische Kommunikation mit verschiedenen Mitteln aufzubauen und die therapeutische Beziehung neu zu beleben.

Do 14:00 - 17:30

Umgang mit Betroffenen sexueller Gewalt in Ermittlungs- und Strafverfahren

Stephanie Antor

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hört seit dem Jahr 2016 Betroffene sexueller Gewalt in Kindheit und Jugend an. Darüber hinaus haben Betroffene die Möglichkeit, schriftliche Berichte an die Kommission zu senden. In ihrem Bilanzbericht aus dem Jahr 2019 (abrufbar unter www.aufarbeitungskommission.de/infothek/publikationen) hat die Kommission als eines der Themen ihrer ersten Laufzeit den Umgang mit Betroffenen in verschiedenen sozialen  und behördlichen Kontexten benannt. In einem eigenen Kapitel, das sich mit Problemen für Betroffene in der Strafjustiz beschäftigt, wird dargelegt, dass Betroffene den persönlichen Umgang mit ihnen in Ermittlungs- und Strafverfahren häufig als unsensibel empfinden. Manche von ihnen haben betont, dass ihnen ein angemessener Umgang geholfen hätte oder hat, das Verfahren unabhängig von dessen Ausgang positiv zu verarbeiten. Ein unsensibles oder uninformiertes Auftreten von Verfahrensbeteiligten führt dagegen zu äußerst negativen Empfindungen bis hin zu erneuten Traumatisierungen. Gleichzeitig findet die Berücksichtigung von Bedürfnissen Betroffener aber ihre Grenzen in den unantastbaren rechtsstaatlichen Prinzipien, beispielsweise der für jeden Angeklagten oder jede Angeklagte bis zu seiner beziehungsweise ihrer rechtskräftigen Verurteilung geltenden Unschuldsvermutung. Hauptziel eines Strafverfahren ist, die individuelle Schuld des Täters oder der Täterin festzustellen.
In dem Workshop soll deshalb in einer offenen Diskussion herausgearbeitet werden, wie ein aus juristischer und psychologischer Sicht angemessener Umgang mit Betroffenen in Ermittlungs- und Strafverfahren aussehen und wie dieser in der Praxis etabliert werden kann.

Do 14:00 - 17:30
25 max